zu Hades

Hades, die sechste Episode im Ulysses, beschreibt in mannigfachen Anlehnungen an den elften Gesang der Odyssee und dem sechsten Gesang in Vergils Aeneis, eine Kutschfahrt zum Friedhof sowie eine Beerdigung auf diesem.
Joyce gab in seinem Grundmuster zum Ulysses zur sechsten Episode als Technik – Incubism – an.
Ein incubus ist ein böser Geist, der sich an Leichen vergeht, oder Nachtmahr.
Harpyien werden im Ulysses genannt: Leanjawed harpy (6; 786)
Harpyien sind vogelgestaltige Frauen, die als Dämonen Menschen entführen, bei Homer sind es Sturmwinde.
Die Kutschfahrt folgt Homers (z. B. die Überquerung von vier Flüssen etc…) und Vergils Beschreibungen der Unterwelt und endet schließlich auf dem katholischen Friedhof in Dublin, dem Glasnevin Cemetery. Fritz Senn beschreibt es treffend: — Ein hohes Geländer umgibt den Friedhof Prospect in Glasnevin, im Nordwesten von Dublin. Odysseus mußte hinab zum Hades, um seine Zukunft (Heimkehr, Tod) zu erfahren, seine Aussichten (prospects). Der Tod ist jedermanns Aussicht. — James Joyce Hades, Hrsg.: Fritz Senn. – Mainz : Dieterich, 1992

Interessant ist der Übergang aus der Antike in die christliche Symbolik. Auch daß in dieser Episode doch verstärkt Vergil (Aeneis), auch Ovid (Metamorphosen), aufzuspüren ist, neben der immer vorhandenen Odyssee. Dies verführte mich dazu, einerseits in antiken Darstellungen (Pompeji), andererseits vergleichend in frühchristlichen Darstellungen (die Katakomben Roms) zu recherchieren.

In den Katakomben tauchen vor allem alttestamentarische Darstellungen auf, die stilistisch noch sehr an die antike, vorchristliche, Malerei erinnern. Zum Beispiel die Darstellungen des Jonas, wie er, nachdem er von dem Wal wieder ausgespien wurde, unter einer Weinlaube sich von seinem Abenteuer erholt. Auch sich ähnelnde bukolische Darstellungen sind zu finden. Zentrale Figuren sind unter anderem Orpheus (als Religionsstifter), Jonas (Symbol der Wiederauferstehung), dann Moses und sein Quellwunder, Daniel in der Löwengrube und David mit seiner Schleuder. Schiffe tauchen immer wieder auf, vor allem natürlich bei Jonas. Die neutestamentarischen Darstellungen beschränken sich vorerst auf Jesus und Lazarus, sowie viele Taufszenen und Darstellungen des guten Hirten, auch mit ausgebreiteten Armen wiederum in bukolischen Umgebungen. Kreuzdarstellungen aber fehlen komplett.

Die Studien variieren inhaltlich in Nuancen des gleichen Darstellungsprinzips. Es bleibt in der Schwebe, was eigentlich dargestellt ist, eine Harpyie oder doch der gute Hirte oder Odysseus im Hades? Das Schiff in der christlichen Metaphorik oder doch das Schiff des Fährmanns in der Unterwelt? Die Toten (Vergils weiße Schatten) in der Unterwelt oder die frühen Christen in Erwartung der Wiederauferstehung oder die Toten, denen Odysseus begegnet, oder gar die Genealogie bei Vergil? (Heimkehr, Tod, Zukunft – Aussicht)
Im Ulysses taucht immer wieder der Begriff der Parallaxe auf. Was in dem Buch als parallax bezeichnet ist, sind abweichende Mehrfachschilderungen des gleichen Ereignisses und das Umschalten der Perspektiven auf den gleichen Ort. Dies geschieht auch in der Odyssee. Es verweist aber auch auf die kaum zu fassende Vielseitigkeit des Odysseus, der gleich im ersten Vers der Odyssee als polytropos, (vielgewandt, verschlagen; auch mannigfaltig – vielgestaltig) eingeführt wird. Ohne Namen, nur πολύτροπον: — 1 ΄Άνδρα μοι έννεπε, Μοΰσα, πολύτροπον, ος μαλα πολλα 2 πλαγχθη, …— den Vielgewandten? Oder den Verschlagenen? Oder den Vielgestaltigen?

Das Schiff und die Figuren sind eine direkte Übertragung von Darstellungen in den Katakomben. Die Hauptfigur entwickelte sich aus Verarbeitungen des guten Hirten und Orpheus.
Der Weißlinienschnitt bei den Linoldrucken gibt den Charakter frühester Drucke wieder.
Zu den zehn großen Linoschnitten gibt es auch eine Mappe mit zehn kleinen Linoldrucken in einer Auflage von 30 Stück. Sie folgen dem gleichen Darstellungsprinzip.
Untersucht und variiert wird die Anordnung (Parallaxen) und der Schnitt (polytropos) der drei Elemente im Bildaufbau und die sich daraus ergebenden Annäherungen an oben genannte Möglichkeiten der Deutung.
Michael Grossmann, 2008

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